Bach ERFREUE DICH SEELE | Bachwoche Ansbach (2015)

Ein szenischer Abend mit den Bach-Kantaten
BWV 18 »Gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt«
BWV 12 »Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen«
BWV 21 »Ich hatte viel Bekümmernis«

Il Gusto Barocco – Stuttgarter Barockorchester
Regie: Anna Drescher
Raum und Kostüme: Elisa Limberg
Lichtdesign: Adrian Gross

 

ZUM STÜCK

Alle drei Kantaten verbindet ein Leitgedanke: Die Frage nach dem Jenseits. Gibt es ein Paradies und wie gelangt man dorthin oder ist es bereits unwiederbringlich verloren. Diese Frage treibt alle „Figuren“ an und wird auf verschiedenste Weise in den Rezitativen und Arien verhandelt. Wo befinden wir uns denn eigentlich. Ist das Jetzt das Paradies oder doch erst der Vorhof dazu oder schon gar der Vorhof zur Hölle?
Die „Figuren“ ringen mit Zweifeln, Glaubensfragen und Versuchungen. Ein Auge immer auf erlösende Paradies gerichtet.

Als Rahmenbedingung für die szenischen Handlungen dient ein Fest, das in der Kirche gefeiert werden soll. Dieses Fest ist eine Art Zeremonie, die die Aufnahme ins Paradies bedeutet. Es kommt jedoch nie dazu, denn immer am Ende jeder Kantate eskaliert die Zeremonie, wird zu einer rauschenden, sündigen Feierei und bringt die Protagonisten zurück zum Ausgangspunkt. Nun wird wieder aufgeräumt und von neuem geschmückt und vorbereitet. Wie Sisyphos befinden sich die Figuren in einer endlosen Schleife und wiederholen ein ums andere Mal ihre ostinativen Handlungen. Sie scheinen gleichsam gefangen in ihrem Tun, so dass man sich nicht sicher sein kann, ob man sich nicht doch eher in einer Art Gefangenenlager befindet.

Die Sänger bespielen den gesamten Kirchenraum. Sie agieren im Chorraum, in den Gängen zwischen, vor und hinter den Zuschauerreihen und auf der Empore. Dadurch sind die Handlungen für jeden Zuschauer zu einem anderen Zeitpunkt nah. Es gibt somit keine „schlechten Plätze“. Klar ist, dass Positionen gefunden und gesucht werden, an denen das Zusammenspiel zwischen Orchester und Sängern gewährleistet ist.

Bei Stückbeginn befinden wir uns in einem Partychaos und es ist für den Zuschauer zunächst noch nicht klar, ob das Fest bereits stattgefunden hat oder noch in der Vorbereitung steckt. Das natürliche Eindunkeln, das durch die Kirchenfenster passiert nutzen wir als inszenatorisches Mittel. Zu Beginn ist alles sehr hell geleuchtet. Im Laufe des Stücks wird das Licht immer mehr gedimmt. Die Lichterketten gehen nach und nach aus. Das Ende der letzten Kantate findet in völliger Dunkelheit statt. Offen bleibt somit die Frage: Ist das Paradies verschwunden, die Chance darauf verwirkt oder sind die Darsteller genau dort angelangt?

 

PRESSESTIMMEN

„Als die Musiker des Stuttgarter Ensembles Il Gusto Barocco und die acht Sänger auftreten, wird klar: Diese Party ist längst vorbei! Verkatert, zerzaust wird die Kantate BWV 12 „Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen“ angestimmt. Jeder, der gerade nichts zu singen hat, streunt durch die Reihen und spielt Theater, aufgekratzt oder depressiv, und zum abschließenden Choral vereint sich der bunte Haufen und prostet mit Sektgläsern ins Publikum: Nach der Party ist vor der Party. Die Musiker unter Jörg Halubek spielen im Stehen: geradezu „dreckig“ überbetont, unmittelbar wirkungsvoll. Ob bei des „Teufels Trug“ oder bei „Jammern, Schmerzen“ – jede musikalische Figur und jeder Affekt wird stark akzentuiert. Wenn sich die Sänger auf dieses Outrieren einlassen, wie die Sopranistin Nina Bernsteiner, ist der Effekt umwerfend. (…) Dagegen überträgt sich in den Szenen, in denen die Chorsänger umherhuschen, fleißig Partyüberbleibsel sammeln und dabei komplexe Chorfugen nebst Tempiwechsel meistern, die Energie dieses Tuns unmittelbar und wirkt zurück auf die Rezeption der Musik. Kann Bach so viel action vertragen? Diese Frage sorgt noch lange für lebhafte Diskussionen in Ansbach“. (FAZ Hemmerich (7.8.2015))

„Für große Aufmerksamkeit und Gesprächsstoff sorgte die szenische Aufführung mehrerer Bachkantaten mit dem Ensemble „il Gusto Barocco“ unter Leitung von Jörg Halubek“. (Ansbach Plus (9.8.2015))

„ (…) und versäumten dabei hoffentlich nicht die exzellente musikalische Realisierung des Projekts: Jörg Halubek mit seinem Stuttgarter „Ensemble il Gusto Barocco“. Nach barockem Geschmack gibt es vollen Orchesterklang, prächtige Vokalsoli“. (Bayrische Staatszeitung (5.8.2015))

„Drei Kantaten hat die Regisseurin Anna Drescher mit acht Sängern in Szene gesetzt (…) In ihnen spiegelt sie eine Gesellschaft wider, die Halt und Maß verloren hat, Menschen, die Auswege suchen und keine finden. (…)  Bespielt wird die ganze Kirche. Das in den Raum hineingewinkelte Zeltgestänge klammert Musiker und Hörer zusammen. Kalkuliert instabil und dürftig wirkt diese Konstruktion. (…) Die Bilder reiben und scheuern sich an der Musik, stehen quer zu ihr. Sie hinterfragen die Texte auf ihre Heutigkeit. (…) Jörg Halubek und sein Ensemble musizieren hinreißend, expressiv geschärft und bewundernswert in der Raum-Musik-Konstellation“. (Wirth, Fränkische Landeszeitung (3.8.2015))